Facettenreiches Design

Applikationen und Websites erfordern unterschiedliche Ansätze

Der Benutzer steht im Mittelpunkt. Immer. Der Design-Ansatz variiert. Während er sich bei Fachapplikationen an konkreten Aufgaben orientiert, dienen Websites vielfältigen Zwecken.

Applikationen und Websites können so vielfältig sein wie die Benutzer selbst. Deshalb sind individuelle Ansätze gefragt. Die folgenden Beispiele illustrieren, wie AdNovum vorgeht, um für ihre Kunden benutzergerechte Lösungen bereitzustellen. 

BEISPIEL WEBAPPLIKATION SHCS

In der medizinischen Datensammlung in Spitälern ist Papier als Datenträger immer noch stark verankert. Obwohl Patientendossiers, das heisst die Krankengeschichten mit den zugehörigen Labordaten, immer öfter elektronisch abgelegt werden, erfolgt die Übermittlung von zusätzlichen Patienteninformationen für reine Forschungszwecke (etwa Daten für Kohorten) noch immer vorwiegend papierbasiert. Die Schweizerische HIV-Kohortenstudie (Swiss HIV Cohort Study / SHCS), eine sehr erfolgreiche, langjährige multizentrische Studie für HIV-positive erwachsene Personen, hat nun den Schritt von der papierbasierten zu einer digitalen Lösung gewagt. In einem ersten Schritt wird sie bei der äusserst komplexen medikamentösen Therapie auch für den rein wissenschaftlichen Teil der Patienteninformation auf die computerbasierte Datenerfassung umstellen. Weitere Schritte für andere Bereiche des papierbasierten Fragebogens werden folgen. Bei diesem Neubeginn wird sie von AdNovum begleitet. 

In Spitälern ist Papier als Datenträger
immer noch stark verankert. Die SHCS
stellt komplett auf digital um.

image3_notitia27_article3
Zoom
WebMed: Tablet-Version für hohe Flexibilität

Papier hat durchaus seine Vorteile: Ein Fehleintrag ist sekundenschnell durchgestrichen und korrigiert. Zudem werden die Haptik des Papiers und die Abwechslung zur reinen digitalen Arbeit am Computer geschätzt. Leider gibt es aber auch ein paar entscheidende Nachteile: Die Anforderungen an die Datenerhebung wachsen unaufhörlich mit der zunehmenden Grösse einer Kohorte und neue Fragestellungen und immer neue Therapiemöglichkeiten bedingen eine überaus flexible Handhabung. Hinzu kommt, dass die medizinischen Zentren generell unter enormem Zeitdruck stehen. Dank der Digitalisierung und der direkten Anbindung der Patienteninformationen an eine Datenbank kann der unverändert hohe Anspruch an eine exzellente Datenqualität im Sinne der wissenschaftlichen Arbeit aber trotzdem erfüllt werden. 

Dank der Digitalisierung kann der
Anspruch an eine exzellente Datenqualität erfüllt werden. 

Was ist die SHCS?

Bei der SHCS handelt es sich um eine fortlaufende multizentrische Studie über HIV-erkrankte Menschen. Als zukunftsgerichtete Studie ist sie ein mächtiges Instrument für die wissenschaftliche Untersuchung der HIV-infizierten Patientinnen und Patienten, unter anderem hinsichtlich:

  • der antiretroviralen Therapie, inklusive der damit einhergehenden Gefahren der Resistenzentwicklung, der Toxizität und der Nebeneffekte der lebenslangen Therapie
  • sozialer Aspekte in einer zunehmend älteren Patientengruppe
  • Übertragungsmechanismen auf Populationsebene
  • Therapie und Übertragungsmechanismen in der Schwangerschaft

Bis heute werden neben den übrigen Informationen auch die ärztlich verschriebenen Medikamente sowie weitere Informationen zu deren Einnahme auf Papierfragebögen dokumentiert. Die Dokumente durchlaufen mehrere Stationen: von den behandelnden Ärzten über Study Nurses zu Datenmanagerinnen, welchedie Daten auf Vollständigkeit überprüfen, fehlende Angaben einholen und nachtragen. Anschliessend werden die Fragebögen und Medikamentenblätter per Post nach Lausanne ins Datenzentrum gesendet, wo sie wiederum von Datenmanagerinnen zuerst in die bestehende Datenbank eingegeben und dann weiter ausgewertet werden.

Benutzer in ihrem Umfeld kennenlernen

Der beschriebene Prozess sollte digitalisiert und damit in mehrfacher Hinsicht optimiert werden. Um uns mit dem noch unbekannten Fachgebiet vertraut zu machen, führten wir nach einem Kickoff mit den Projektverantwortlichen und zukünftigen Benutzern an den Kliniken in Bern, Zürich und Basel eine Feldrecherche durch. Ziel war es, die zukünftigen Benutzer in ihrem Umfeld kennenzulernen und ihre aktuelle Situation zu verstehen. Der direkte Dialog erlaubte eine rasche Einarbeitung in das neue Gebiet, was später im Projekt den Interpretationsspielraum begrenzte und somit Missverständnissen vorbeugte.


Gestartet wurde die Feldrecherche mit dem Prozess der Medikamentenerfassung während einer Patientenvisite. Da die digitale Lösung auf Vertrautem aufbauen und bestehende Muster beim Lesen der Papierversion nicht durchbrechen sollte, wurde aus der statischen Tabelle des Fragebogens eine dynamische Timeline-Darstellung. Sie erlaubt es, in der Zeit vor- und zurückzuspringen, ohne die Übersicht zu verlieren. Zudem mussten in der digitalen Version Abstraktionslevels geschaffen werden, damit die Informationen geordnet und hierarchisch erscheinen und erfasst werden.

 

Um die Benutzerfreundlichkeit dieser neuen Eingabepatterns zu prüfen, verwendeten wir in einem iterativen Prozess zuerst Skizzen und dann klickbare Prototypen in verbreiteten Office-Formaten.  

Umstellung technologisch begleiten

Zoom

Für den Erfolg des benutzerzentrierten Ansatzes ist die Wahl der richtigen Technologie entscheidend. Das technische Setup muss jederzeit schnell und flexibel sein. Denn auch bei einem klar definierten Projektziel können sich Features und folglich die Benutzeroberfläche im Projektverlauf ändern. Deshalb ist es auch wichtig, die Anwender bereits in einer frühen Phase einzubeziehen und nach jeweils kurzen Entwicklungsschritten regelmässig zu konsultieren, anstatt zuerst monatelang zu entwickeln. So kann die Applikation genau auf die Benutzerbedürfnisse abgestimmt, teuren Anpassungen in einer späten Projektphase vorgebeugt und die Akzeptanz der künftigen Lösung sichergestellt werden.

Dynamischer 2-Wochen-Rhythmus

Im Rahmen dieses schrittweisen Ansatzes testeten die Benutzer der SHCS die neuen Features in einem 2-Wochen-Rhythmus. Die Ergebnisse wurden konsolidiert, anhand der Business-Anforderungen priorisiert und von den Entwicklern in der Applikation implementiert. 

Die Benutzer testeten die
Features in einem 2-Wochen-Rhythmus.

Die Mitglieder des Entwicklungsteams waren – natürlich nur geografisch – meilenweit voneinander entfernt: Ein Teil der Entwickler arbeitete von Singapur aus, weitere Entwickler sowie Design und Projektführung waren in der Schweiz angesiedelt. Dank sorgfältiger Planung konnten wir diesen Umstand zu unserem Vorteil nutzen: Am Ende ihres Arbeitstags übergaben die Entwickler in Asien die installierten Versionen der Applikation jeweils ihren Kollegen in der Schweiz, die die neue Funktionalität testeten und ihr Feedback am späteren Nachmittag im Ticketing-System erfassten. So konnte das Team Fehler buchstäblich über Nacht beheben. 

WebMed läuft in der Private Cloud und ist
weltweit auf einen Klick verfügbar. 

Technologisch betrachtet brachte SHCS einige neue Herausforderungen mit sich, da die Webapplikation auf diversen Geräten funktionieren sollte. Während Datenmanagerinnen eher an einem fixen Arbeitsplatz mit Windows XP und Internet Explorer 8 arbeiten, verlangt die Mobilität von Study Nurses, die viel im Spital unterwegs sind, auch eine mobile Anwendung, etwa in Form eines Tablets. Aus diesem Grund entschieden wir uns bei Projektstart Ende 2013, für das Frontend sogenannte «Bleeding Edge»-Technologien – das heisst brandneue, noch wenig erprobte Technologien – wie das CSS Framework Bootstrap 3 in Kombination mit dem Open-Source Framework Angular JS einzusetzen. Diese Technologien sind enorm flexibel und lassen sich einfach und bequem gemäss dem Feedback der Benutzer anpassen. Des Weiteren benötigten wir eine wiederverwendbare Library mit UI Widgets, um verschiedene Workflows und UI Patterns auszuprobieren und so die für die SHCS-Nutzer am besten geeignete Lösung zu finden. Die UI Patterns für die Tablet-Version testeten wir direkt auf dem Gerät um sicherzustellen, dass die Applikation leicht zu bedienen ist. Denn für diejenigen Benutzer, die die Webapplikation in Zukunft auf einem Tablet bedienen werden, ist es besonders wichtig, dass effizientes Arbeiten auch ohne Maus und Tastatur möglich ist.  

Unmittelbare Verfügbarkeit dank Private Cloud

Die Webapplikation läuft in der Private Cloud von AdNovum. SHCS profitiert damit nicht nur von den üblichen Vorteilen der Cloud wie erhöhter Skalierbarkeit, geringeren Fixkosten und reduziertem Betriebsaufwand, sondern insbesondere auch von einer praktisch unmittelbaren und weltweiten Verfügbarkeit der Anwendung – auf einen Klick! Zur Verfügbarkeit und Flexibilität trägt auch bei, dass für die Benutzer neben dem Produktionsserver eigens ein Integrationsserver bereitsteht, um neue Features im Alltag zu testen. Weiter betreibt AdNovum für das Projekt intern je einen Server für ihr Testing-Team und ihr Engineering-Team. Für die Sicherheit sorgen AdNovums Security- und Compliance-Suite Nevis sowie tägliche Datenbackups.

BEISPIEL WEBSITE SWF: eine ganz andere Geschichte

Der UX-Design-Prozess ist an sich sehr geradlinig: Recherche und Analyse, Design und Prototyping, Präsentation der Lösung und Einführung. Spezifische Vorgehensweisen erfordert er bei Websites, da diese im Gegensatz zu Fachapplikationen Inhalte für Zielgruppen aus der breiten Öffentlichkeit bereitstellen und kommunikativen, informativen, repräsentativen oder kommerziellen Zwecken dienen.


Den folgenden Ansatz wendeten wir für den Web-Auftritt des Singapore Writers Festival (SWF) im Auftrag des National Arts Council an:

Recherche und Analyse

Zoom

Wir treffen uns mit dem Kunden, um die Projektanforderungen zu ermitteln. Hierzu sind Standardspezifikationen und ein Briefing durch den Kunden sehr hilfreich. Betrifft das Projekt eine bestehende Website, durchforsten und testen wir diese aus der Sicht des Benutzers, um mögliche Schwachstellen zu entdecken. Haben wir das Problem verstanden, führen wir eine Benchmark- und Trendanalyse durch, um herauszufinden, wie ähnliche Websites aussehen und funktionieren. Wir schreiben User Stories mit Personas, die wir aus den Zielgruppen ableiten. 

Design und Prototyping

Dabei arbeiten wir mit rasch gezeichneten Entwürfen oder Papierprototypen. So lassen sich verschiedene Konzepte und auch gleich die konkreten Ideen testen. Steht das Konzept, erstellen wir ein paar Wireframes und eine Informationsarchitektur, normalerweise in Form einer Sitemap. Dies reicht meist aus, um die Idee dem Kunden vorzustellen und Feedback von ihm zu erhalten. Häufig gehen wir noch einen Schritt weiter und designen einen realitätsgetreuen Prototyp mit visuellen Elementen. Damit sind wir schon mitten in der Usability, denn wir müssen uns überlegen, ob der Call-to-Action-Button sichtbar ist, die Benutzer die Labels verstehen oder das Design sich auf die wichtigsten Dienstleistungen konzentriert. Beim Design eines optisch besonders ansprechenden Produkts kann ein Moodboard mit Beispielen, Typografien und einer Farbpalette sehr inspirierend wirken. 

Präsentation der Lösung und Einführung

Wir präsentieren das Konzept und seine Vorteile unserem Kunden. Dies umfasst insbesondere:

  • einen Design-Katalog, der die wichtigsten Punkte des Konzepts aufführt und mit Screenshots illustriert.
  • Mock-ups, weil das Konzept erst erlebbar wird, wenn der Kunde es auf dem Gerät betrachtet. 
  • eine spezielle Präsentation, in der wir dem Kunden die Design-Story erzählen, mit ihm die Personas und die typischen Szenarien durchgehen und ihm aktiv und emotional Zugang zu all unseren Informationen gewähren.

Last but not least führen wir die Lösung in enger Zusammenarbeit mit den Software-Ingenieuren ein. 

Das Konzept wird erst erlebbar, wenn der Kunde es auf dem Gerät betrachtet. 

Durchwegs positive Erfahrungen

Die Projekte SHCS und SWF haben gezeigt, dass der benutzerzentrierte Ansatz bei AdNovum bestens funktioniert. Entscheidend für den Erfolg sind neben der passenden Technologie die interdisziplinäre Zusammenarbeit im Projekt und das direkte Zusammenspiel von Design und Entwicklung. 

 

Autoren

Ann Nguyen
Ann Nguyen, Mechanical Designer und MA in Human Computer Interaction (HCI) and Ergonomics, ist seit März 2014 als UX / UIDesignerin bei AdNovum Singapur tätig. In dieser Funktion konzipiert sie Benutzeroberflächen, die gleichermassen einfach zu bedienen wie optisch ansprechend sind. Privat geniesst sie es, zu reisen, zu kochen und ihr Skizzenbuch zu füllen. 


Loïc Pfister
Loïc Pfister, MSc in Communication Systems der ETH Lausanne, startete im Mai 2011 als Experte für mobile Technologie bei AdNovum Singapur. Seit 2013 ist er zurück in der Schweiz und befasst sich primär mit Enterprise Mobile Applications und Mobile Banking Applications. Arbeitet er gerade nicht, ist er am Reisen oder entdeckt neue kulinarische Köstlichkeiten.